The Glitch

Glitches sind ein aktuelles Modephänomen. Dabei existieren die digitalen Störbilder schon so lange wie Bildschirme selbst

Text Fabian Hart

So lange wir schon vor Bildschirmen sitzen, sind Störbilder ein Teil unserer elektronischen Kultur. Schlechter Fernsehempfang, Ton/Bild-Verzögerungen bei Skype, Buffer-Probleme auf YouTube, schlechte Scans, Photoshop-Desaster und andere Software-Schäden. Man nennt sie Glitches. Dass diese unvorhersehbaren Digitalpannen immer wieder auch glückliche Zufälle sein können, ist wohl jedem schon einmal aufgefallen. Plötzlich verschwimmen Farben, Körper nehmen neue Gestalt an, Landschaften verschmelzen oder entstehen.

Künstler wie Sandro Kopp nutzen diese Zufallstreffer – in seinem Falle malt er Ölporträts via Skype inklusive Pixel-Störer. Eine jahrhundertealte Maltechnik wird dadurch kontemporär. Auch in der Musik spielen Glitches eine Rolle. In den 1990ern bildete sich unter diesem Namen ein elektronischer Stil, der durch Musiker wie Frank Bretschneider aka Komet bekannt wurde. Mehr von ihm könnt ihr hier hören. Es gibt sogar ein digitales Museum für Glitch Art, das Museum Of Glitch Aesthetics, das solche Bilder und die Ästhetik des Zufalls sammelt.

Obwohl Glitches immer Teil unseres Alltags blieben, haben sie derzeit ein Comeback, scheinen stärker in Mode als je zuvor. In Fotoproduktionen und Musikvideos etwa, neustes Beispiel Robins & Röyksopps „Sayit“. Nun könnte man mutmaßen es läge daran, dass wir unseren digitalen Höhepunkt erreicht haben, vor mehr Second und Third Screens sitzen als vor Menschen, selbst kurz vor der Eindigitalisierung und Entkörperung stehen und somit statitistisch auch mehr solcher Störbilder begegnen. Aber es liegt vor allem daran, dass die aktuellen Mode-Störer überhaupt keine „True Glitches“ sind, also keine tatsächlichen Zufälle, sondern ihre Imitation.

Mittlerweile gibt es Apps, etwa Glitché, mit denen solche Effekte zu einem erweiterten Filter werden, mit dem man nachträglich ein intaktes Bild zerstört. Glitches sind also zu einem Look geworden, zu kontrollierten Zufällen. Darüber mögen einige ihre Köpfe schütteln und Glitch Art zur bedrohten Kunstform ernennen, dabei wird sie lediglich erweitert. Im Falle von Robyn & Röyksopp gab es sogar einen Glitch Artist, der die Bewegtbild-Effekte zum Beat der Musik gestaltete. Und wäre eine Diskussion über „Real Glitches“ und „Fake Glitches“ nichts anderes als sich übers Haarefärben echauffieren?

 

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