#AntiCityGuide Zürich

Text & Fotos Fabian Hart
Der folgende Text und alle Bilder dieses Beitrags entstanden in Zusammenarbeit mit OLYMPUS,
fotografiert mit der Olympus PEN-F

Weshalb landet man mit den meisten City Guides immer vor derselben Soja-Latte, fotogenen Macarons, in WLAN-Cafés und Vintage-Läden? Das habe ich mich jetzt schon richtig oft gefragt, auch vorletzte Woche, als ich zur Vorbereitung für meinen Zürich-Trip Google Maps benadelte.

So kam ich auf die Idee eines #AntiCityGuide, der, nicht falsch verstehen, weder Anti-City, noch Anti-Guide sein soll, aber auf Absehbares verzichtet, gängige Hotspots vermeidet. Geht das überhaupt noch?

Um das herauszufinden, habe ich mich in diesem Fall mit Zürchern in Zürich verabredet und sie gefragt, welche Orte für sie diese Stadt ausmachen, aber auch auf welche sie echt gut verzichten könnten:

Fab-Teuer-Final-Final

Julian-Final2Schweiz‘ Modemacher Nummer Eins trägt den Namen Julian Zigerli. Er war lange in Berlin zu Hause, aber nach sechs Jahren hat er sich 2015 wieder für seine Heimat entschieden. Und Rückkehr heißt auch Rückzug. In Zürich, sagt er, arbeite man einfach fokussierter und sei nicht ständig den üblichen Berliner Ablenkungsmanöver ausgesetzt. Außerdem habe er den See und die Berge vermisst. Sein Zürich-Tipp liegt daher auch außerhalb der Stadt: die Allmend Brunau, ein Naherholungsgebiet, das bis Ende der 1990er militärisches Ausbildungsgebiet war. Jetzt joggt Julian hier entlang der Siehl oder auf den Zürcher Hausberg Üetliberg. Höhenangst hat Julian Zigerli übrigens keine. Nicht wenn er von Giorgio Armani nach Mailand eingeladen wird, um dort seine High-End-Tech-Männermode vorzustellen und auch nicht in seiner Wohnung auf Etage 22 in einem der Hardau-Hochhäuser.
Was sich Zürich-Besucher ersparen sollten: Shopping in der Bahnhofstrasse. Die Alternative heißt Europa-Allee, die mit High Street nichts am Hut hat. Konkretes Beispiel: das Opia, ein Concept Store, der auch Schweizer Labels wie Studio Winkler und  La Première führt und natürlich Julian Zigerli.
Letzte Woche war Julian außerdem Teil der 9. Edition von Mode Suisse, ein Modetag, der jedes Jahr in einer anderen Stadt Schweizer Designer und Kollektionen vorstellt – etwa in Bejing, London, Mailand und 2016 in Geneva und Zürich selbst.

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Alexandra+David-Final2 Alexandra Kruse und David Suivez leben mit ihrem vierjährigen Sohn Kosmo im Kreis 4 (Aussersihl). Zwischen Hauptbahnhof und Bahnhof Hardbrücke führen sie ein bewegtes Leben als Stylistin, Autorin, Yogalehrer und DJ. Ja, die drei haben viel zu tun, aber ein Haus im Grünen ist längst in Planung. Bis dahin ist die Bäckeranlage ihr Garten, ein Park in ihrer Hood mit Konzerten im Sommer. Im angrenzenden Kreis 5, Zürich West, findet man die beiden auch, zum Beispiel auf dem Löwenbräu-Areal, wo sich auch das Migros Museum für Gegenwartskunst befindet. Weil Alexandras genereller Lieblingzustand irgendwo zwischen Street und Zen liegt, ist der massive „Love Invents Us“-Schriftzug von Installationskünstler Ugo Rondinone auf den Dächern des Areals ihr Special Place.
Man findet die drei auch in der Sportsbar Kanzleistraße, überbewertet ist ihrer Meinung nach aber das ewige Gerede um den besten Imbiss Zürichs, der Sternengrill am Zürcher Bellevue. Wer Street-Food next Level sucht, sollte zu Palestine Grill in der Langstraße. Aber dazu später mehr.

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Sibylle Berg vorstellen? Unvorstellbar. Sie ist die, die dagegen hält und schreibt. Die Masse und den Hate greift sie mit ihrer Kolumne „Fragen Sie Frau Berg“ auf SPON ab, die wenigen Bücherleser, die überlebt haben, mit ihren Romanen („Danke für das Leben“, „Der Tag, an dem meine Frau einen Mann fand“) und die Hochkultur mit Theaterstücken wie „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“, das 2014 in Berlin zum Theaterstück des Jahres gewählt wurde. In Zürich findet man sie oft im jüdischen Viertel, Kreis 3, wo Hipster-Atheisten neben ultraorthodoxen Juden leben und wenn sie nicht die Limmat entlangwandert, dann ist sie eventuell im Schauspielhaus Zürich. Dort feierte gerade ihr Stück Viel Gut Essen Premiere. Was gar nicht geht in Zürich ist Schokolade futtern bei Sprüngli und Bootfahren auf dem See und im Protzhotel The Dolder Grand abhängen. Das ist echt nur für Touristen im Endstadium.

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Raphael Gygax ist Kunsthistoriker und Kurator für das Migros Musuem für Gegenwartskunst Zürich und für Frieze Projects in London. Das führt ihn automatisch immer wieder an einen Ort: an den Airport ZRH. Das Gute an Zürich ist also, dass man da schnell auch wieder wegkommt – wenn man will. In keiner anderen Stadt erreicht man einen Flughafen schneller als hier: genau sieben Minute braucht man bis zur Hardbrücke im Zentrum. Die knapp eineinhalb Kilometer lange Brücke – sie führt über Gleise, Straßen und die Limmat – ist für Raphael ein guter Standpunkt, um die Stadt zu begreifen. Hier überblickt man auf der einen Seite das Idyll mit See- und Alpenpornorama, auf der anderen Seite klotzt Zürich West, der neue „Lego“-Stadtteil.
Monsieur Gygax mag das Theaterhaus Gessnerallee (das aktuelle Programm gibt es hier) und freitags und samstags findet man ihn auch mal in der Männerzoneder Name ist Programm. Aber wer hier Abgründe erwartet, findet nur eine Bar in entspannter Zürcher Manier – also keine Angst.
Besser weiträumig umgehen sollte man laut Raphael Gygax den Hauptsitz der FIFA in der, ja, Fifa-Straße und eher hoffen, dass wenn die schon Straßen nach sich benennen, sie nicht auch noch ein Fußball-Museum bauen. Vorsicht auch vorm DADA-Tourismus. 1916, also vor genau 100 Jahren, wurde in der Zürcher Spiegelgasse 1 das Cabaret Voltaire und damit die Kunstform und Avantgarde DADA begründet, die sich gegen konservative Werte und Weltanschauungen richtete und das bis heute tut. Anstelle also in die Spiegelgasse zu pilgern und nach DADA zu suchen, erstmal wieder Unruhe im eigenen Kopf stiften.

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Während all der Dates habe ich natürlich nicht nur die Zürcher (besser) kennengelernt, sondern auch die Stadt. Hier meine Top 4 vom letzten Wochenende:

 

 

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Sibylle Berg haut mit Viel Gut Essen um sich und trifft den weißen, heterosexuellen Mann mitten in die Fresse. Ihr Theaterstück um irritierte Mittelstand-Mittvierziger feierte vorletzte Woche am Schauspielhaus Zürich unter der Regie von Sebastian Nübling Premiere. Die Hauptfigur wird von drei Schauspielerinnen Cross-Dress verkörpert. Sie stellen einen bemühten Karrieristen im besten Alter dar, der seiner Familie etwas bieten möchte, weil man das als Mann nun mal so macht, weil man man als Mann nun mal Macht. Der Versorger zu sein ist die Rolle seines Lebens. Deshalb schickt er auch seine Frau in Mutterschutz, verbringt selten Zeit mit der Familie, kämpft mit seinen Gefühlen und anderen Soft Skills und fürchtet die Welt, die seine soziale Stellung gefährdet. Er möchte souverän bleiben und Familienoberhaupt und Ernährer, also ein ganzer Mann. Der schwule Sohn, Flüchtende und seine Frau, die es nicht mehr sein möchte, zerstören die Ordnung der Dinge, sein heteronormatives Wertesystem. Vom Versorger zum Versager? Man wird ja wohl noch … Viel Gut Essen ist bis April im Schauspielhaus Zürich zu sehen.

 


Schrift-Koch

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Zürich und Hamburg teilen sich viele Klischees: beide gelten als ruhige Stadt am Wasser, werden für ihren Reichtum und gleichzeitigen Understatement gefeiert. Aber wer immer nur das Schöne sehen möchte, übersieht das Gegenprogramm absichtlich. Das Koch-Areal zum Beispiel ist ziemlich untypisch Zürich. Hier besetzen seit Jahren rund 150 linke Aktivisten eine Fläche von zwei Fußballfeldern, veranstalten Ausstellungen, Konzerte und andere Guerilla-Aktionen um die Idylle des „zu rich“ Zürich zu stören. Dass das Gelände ausgerechnet Eigentum der UBS-Bank war, machte die Lage noch prekärer. Immer wieder wurden Abrissarbeiten verschoben, bis die Stadt das Areal für 70 Millionen Schweizer Franken kaufte. Solange Zürich sich noch nicht darauf geeinigt hat, was auf dem ehemaligen Kohlengelände stattfinden soll, bleiben die Besetzer und sind überzeugt, dass „eine Aufwertung bewirkt, dass Lebendigkeit, Spontaneität, Freiräume und alternative Kulturprojekte im ganzen Quartier verloren geht.“

 

Schrift-Atlantis
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Annemarie und Hans Hubacher setzten sich 1970 ein Denkmal an den Fuß des Üetliberg. Das Y-förmige Atlantis Hotel, ihre progressive Glas-Holz-Beton-Konstruktion, wurde zur Ikone der Schweizer Nachkriegsmoderne und damit auch das Zürcher Architektenpaar.
Der Rest ist Geschichte und sie klingt nach ausgedachter Pressemappe: Etwa die Story von Freddie Mercurys Privatkonzert oder der Möbelweitwurf von The Who, die sämtliches Interieur aus ihrer Suite in den Pool warfen und Grace Jones und Abba waren da und Muhammad Ali auch – generell stieg oder stürzte hier jeder ab, der nach Zürich reiste.
Mit den Jahren aber ging Atlantis unter. Neue Hotels in Zürich-City schienen attraktiver als der Siebzigerjahrebau am Berg- und Stadtrand. Das Atlantis stand leer, wurde zum besetzten Haus, dann vorübergehend Wohnheim für Studenten.
Vor ein paar Wochen hat es neu eröffnet – nach drei Jahren Umbau. Jetzt gehört es zur Giardino Group, wie noch drei weitere Hotels in der Schweiz mit außergewöhnlichen Stories. Und klar taucht das Atlantis wieder auf wie zu seinen besten Zeiten, kommt aber ohne Protz und elitäres Gehabe aus – es gab noch nicht einmal eine offizielle Wiedereröffnung. Seine Vergangenheit und erhabene Lage machen den Stil des Atlantis aus. Und wer hier nicht über Nacht bleiben kann oder möchte, kann auch im Spa lungern und danach auf zwei oder vier French 75 in die Seventies-Bar mit Blick auf die ganze Stadt. Die Geschichte des Hauses hängt uns steht im ganzen Hotel – vom Sessel bis zur Mercury-Fotografie. Aber am besten man schreibt seine eigene.

 

 

Schrift-Palestine

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„Ungelogen der beste Imbiss in Zürich mit Spezialitäten aus dem Nahen Osten.“ So einfach stellt sich der Streetfood-Laden auf Facebook vor, aber die Story dahinter ist weitaus komplexer. Der Gründer des Imbiss ist Sami Khouri, ein Zürcher, der Sohn palästinensischer Christen ist und den Nahostkonflikt zumindest in der Langstraße beendet. Er serviert neben Falafel, Hummus und Shis Tavuk auch eine Friedensplatte mit typischen Spezialitäten aus Palästina, dem Libanon und Syrien. Das kann man nun naiv finden, aber wenn Liebe tatsächlich durch den Magen geht, dann ist das Es(s)kapismus und Utopie, aber auch einfach nur saulecker.

 

 

 

Dieser Beitrag ist gemeinsam mit OLYMPUS entstanden, genau genommen die Bebilderung, also alle Zürich-Fotos. Für den Trip habe ich die neue PEN-F als Leihgerät mitbekommen, eine Kamera, die aussieht wie Vintage aus den 1960ern, aber eher aus der Zukunft kommt. Mit 20 Megapixel, einem elektronischen Sucher, Auslöser via Touchscreen und möglicher Steuerung über App. Foto-Stile wie Filter, Gradationskurven, Helligkeit und Tonwerte lassen sich schon vorab an der Kamera einstellen und abspeichern – man verbringt also wieder mehr Zeit mit dem tatsächlichen Fotografieren und weniger mit Photoshop. Noch mehr Infos zur Kamera gibt’s hier.

 

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