14.08.2013 | HART

Dark Material

Live vom Kampnagel Sommerfestival: Jeremy Wade, XIU XIU und Monika Grzymalas “Dark Material”

Photo Friedemann Simon

Text Fabian Hart

Und plötzlich kommst du aus dem Theater und beschreibst es als organisch und substanziell. Das klingt ganz schön nach dreißig Jahre alt sein. Aber das, was Jeremy WadeMonika Grzymala und Jamie Stewartvergangenes Wochenende auf dem Kampnagel Sommerfestival zeigten, braucht auch Zeit. Zeit, die man damit verbracht haben muss, zu erleben, wie abstoßend Nähe sein kann und wie anziehend das Unerreichbare. Dark Material bringt in drei Dimensionen – Raum, Musik und Bewegung – die Unaushaltbarkeit zwischen Menschen zum Ausdruck. Der amerikanische Choreograph Jeremy Wade tanzt darin mit und gegen seine Partnerin Maria F. Scaroni und auch gegen sich selbst. Im einen Moment treten sie als Paar auf, dann als ein und derselbe Körper, im nächsten halten sie Abstand, berühren sich nicht und sind doch ganz taub voneinander. Dann fallen sie auf ihre Knie, balancieren am Boden und reiben und stoßen und prallen aufeinander – aus Abstand wird gefährliche Nähe. Ihre Performance entschlüsselt auch, weshalb eine Beziehung, die mindestens immer zwei Menschen involviert, auch Selbstzerstörung bedeuten kann. Das Dark Material, es steckt nicht in uns, es liegt irgendwo dazwischen.

Monika Grzymala, deren Arbeiten gerade auch in der Hamburger Kunsthalle zu sehen sind, gestaltet den Raum um Jeremy Wade und Maria F. Scaroni als Ergänzung ihrer Choreographie. Sie klebt, wirft und zeichnet dunkle Dinge: Tape auf den Boden, Schlingen durch den Saal und Edding-Landschaften gegen die Wand. Die transdisziplinäre Performance wird durch nicht weniger dunkle Klänge von XIU XIU-FrontmannJamie Stewart ergänzt.

Die am Eingang verteilten Silikon-Ohrschützer hielt ich während der Vorstellung über die ganze Zeit in meinen Händen. Ich missbrauchte sie als Knautschmaterial gegen die Komfortzone. Denn du kannst dir die Ohren nicht zuhalten gegen das, was du nicht sehen willst. Du musst sie erkennen können – laute(r), dunkle Dinge.

 

Was nichts mit Dark Material zu tun hat und es doch gut ergänzt, ist “Hi”, mein liebster Track von XIU XIU– vor über einem Jahr in Hartbeats Vol. 1 erschienen.

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