Das Touri-Shirt

Touri-Shirts sind das neue Foursquare (und das alte btw). Was sie sonst noch sind: Normcore-Königsdisziplin

Foto Anna Wegelin
Text Fabian Hart

Das Touri-Shirt war lange Zeit ein geächteter Fetzen. Ein Souvenir von Pauschaltouristen, der Junggesellenabschied unter den T-Shirts, eine Outinghilfe für Proleten – mit einer Ausnahme zu Beginn der 2000er. Wer damals ein „I Heart NY“-T trug, hatte es in die USA geschafft und den Lifestyle erhaben nach Hause getragen, den wir von MTV und aus SATC zu kennen glaubten. Nach 9/11 wurde „I Heart NY“ zur Solidaritätskleidung. Dann gab es die Ts plötzlich auch in Dubrovnik und überall im Internet. Niemand konnte mehr sagen, ob hier wirklich jemand seinen Urlaub, Business-Trip oder das Auslandsemester zur Schau trägt, oder es sich hat heimlich schicken lassen.

In der Zwischenzeit haben Andenken und Souvenirs in vielen Fällen ihre Physis verloren. Instagram und Whatsapp haben die Postkarte gekillt, Standortmitteilungen auf Foursquare und Facebook wurden zum neuen Status. Digital und offline reisen wir so schnell wie nie zuvor, preiswert und selbstverständlich. Wir wurden World Wide Locals.
Heute ist der Touri-Look eine Nostalgie des Normcore-Trends. Er hilft uns unentdeckt zu bleiben, wenn wir uns zu sichtbar machen oder fühlen. Rucksäcke, Birkenstocks, Fischerhüte und Städte-Patches auf Jacken sind längst Teil dieser Uniform.

In diesem Kontext macht auch das Touristenshirt wieder Sinn. Es verschwindet in keiner Timelin, sondern höchstens mal in der Wäsche und bleibt länger als ein Check-In oder Insta-Moment. Das richtige zu finden ist so schwierig wie einem guten Pre-Loved-Teil im Second-Hand-Laden zu begegnen. Eine Erinnerung darf nämlich Mühe machen, selbst wenn es dann für andere nach klassischer Standardware aussieht und das ist immerhin Normcore-Königsdisziplin.

Corfu-3

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