Der Jogger

Mit unserer Freizeit starb auch die Freizeitmode. Doch kommende Saison kehrt der Jogginganzug zurück und belebt sie wieder

Text und Collage Fabian Hart

Mildwinter? Früherling? Der Februar 2014 könnte locker auch ein September sein und die Männermode für den kommenden Herbst ist auch schon gelaufen. Wenn man Saisons nicht mehr voneinander unterscheiden kann, wieso also nicht schon mal die neue tragen?

Ich hab mich über Runways gescrollt und Trendthemen sortiert und bin auf Jogginganzüge gekommen. Das klingt zunächst ein wenig unmodisch, aber wartet mal ab. Man sieht den Jogger bei Christopher Shannon, Astrid Andersen und Alexander Wang, auf dem Bild von links nach rechts. Es wäre easy, sie dem Trend Sportswear zuzuordnen, schließlich ermöglichen sie maximale Bewegungsfreiheit. Aber ganz ehrlich, wer treibt in Jogginganzügen schon Sport? Ist es nicht eher so, dass man sich in ihnen eben nicht mehr bewegen möchte, weil sie so unglaublich bequem sind? Selbst der Duden spiegelt diesen Widerspruch: Dort steht, ein Jogginganzug bedeute ein „besonders zum Joggen getragener Sportanzug“ und als Beispiel direkt darunter „im Jogginganzug vor dem Fernseher abhängen“. Seht selbst nach.

Die Wahrheit ist: kein Mensch trägt einen Jogginganzug zum Sport und ich spreche nicht, liebe Fußballer, von seiner High-Performance-Version, dem Trainingsanzug, der synthetisch, wasserabweisend und atmungsaktiv ist und längst Teil der Straßenmode. In den 1990er Jahren als Second-Hand-Trainingsjacke und als Komplettlook Anfang der 2000er, als ADIDAS sein Revival feierte.

Der Jogger dagegen ist aus Baumwolle oder geschmeidigen Baumwollgemischen, er ist ein Pyjama für tagsüber, ein Hausanzug, die Galionsfigur der Freizeitmode, aber Moment mal – ist die nicht längst ausgestorben? Sind wir der Freizeit in den letzten Jahren nicht immer mehr entwachsen, weil wir freie Zeit als noch zu verplanende behandeln, in der wir immer busy, multi und always on sind? Ist unsere Freizeit nicht längst ein Business, das wir managen, eine Parallelkarriere zu unserem Job oder seine Verlängerung?

Der Jogginganzug ist der neue Trainingsanzug. Weil er uns darin trainiert, wieder einmal richtig abzuhängen. Und denkt jetzt bloß nicht, das sei überinterpretierte Fashion. Ein bisschen mehr Hintergrund kann man Modenschauen schon zutrauen, man muss nur richtig Moden schauen.

 

Kleiner Throwback: nach dem GIF folgt ein Foto, für das ich um 1990 in einem meiner ersten Jogginganzüge posiere. Steht da tatsächlich „New Word“ auf dem Oberteil? 

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