Letzter Abend

Gestern Abend zog ein Leben an mir vorbei, das meines hätte werden können: Ich als daheimgebliebener Süddeutscher

Photo & Text Fabian Hart

Vermutlich wäre das alles nicht passiert, hätte ich nicht das Fotoalbum geschenkt bekommen. Zum Geburtstag. Von meiner Familie, die ich ein paar Tage besuchte. In diesem Fotoalbum, das jetzt in meinem Koffer liegt, mit dem ich gerade zurück nach Hamburg fahre, klebt mein bisheriges Leben.

Ein Best-of aus 30 Jahren Fabian: ich, neugeboren mit meiner Mutter, als dreijähriger Schisser auf dem Motorrad meines Onkels, im Urlaub mit der Schwester meines Vaters. Also ich mit Menschen, die es heute überhaupt nicht mehr gibt und dann noch Bilder mit der Restfamilie: auf der Expo, im Anzug auf der Abifeier, mit Nichte und Neffe, mit alter Nase und mit neuer. An die meisten Momente kann ich mich nicht – an ein paar will ich mich nicht erinnern. Andere schlimme Bilder fehlen, auch ein paar gute, und auf wenigen habe ich mich erkannt.

Gestern, am letzten Abend vor meiner Abreise, blätterte ich noch einmal durchs Album, kurz vorm Einschlafen. Und dann, im Dunkel der Hitze, unterm Dach im Haus meiner Schwester, zog ein Leben an mir vorbei, das meines hätte werden können. Stoff für ein Album, das es nicht geben wird. Ich sah mich als meine andere Version, als daheimgebliebener Süddeutscher in heteronormativ:

Ich wohnte in einer Stadtrandwohnung auf Halbparterre mit kleinem Garten, in dem ein Trampolin stände, das meinem Sohn gehörte, der Max hieße oder Lukas, der Jeans von Esprit trüge und ich welche von Brax und meine Frau Dreiviertelhosen von S.Oliver und sie wäre Grundschullehrerin und ich hätte einen Bürojob oder vielleicht was mit Anpacken, aber auf jeden Fall was mit Feierabend.

Wir führen samstags in die Stadt, auf den Markt, und meine Frau hätte das gute Twin-Set an und einen Weidenkorb als Accessoire und ich Max/Lukas auf dem Arm und wir grüßten Menschen, weil man sich kennt und ich unterhielte mich mit anderen Männern über Regionalpolitik, nachdem wir uns zur Begrüßung auf die Schultern klopften und unsere Frauen gingen zusammen zum Sport, damit sie mal rauskämen.

Dann würde ich auf meine große Taucheruhr von Fossil tippen und wir müssten weiter und Max/Lukas machte auf dem Nachhauseweg in die Hose.

Zu Hause würde ich ins Internet gehen und meine Emails checken und den Payback-Kontostand und die Fußballergebnisse und dann googelte ich Club-Urlaube, die wir später im Reisebüro buchten.

Am Abend gingen wir Fleisch essen, aber meine Frau äße auch Ruccola-Salat und ich hätte einen kleinen Bauch und Polo-Shirts von La Martina und tränke Schnaps, weil ich immer die Reste von Max/Lukas und meiner Frau aufessen müsste und die Pizzeria wäre auch das Lieblingsrestaurant des Oberbürgermeisters, aber der wäre an diesem Abend nicht da und ich würde ihn leiden können, obwohl er bei der SPD wäre. Dann führen wir nach Hause und Max/Lukas schliefe auf dem Rücksitz unseres Kombis ein.

Manchmal nachts, wenn ich aufwachte, wäre ich mit mir allein und es fühlte sich nicht gut an. Nach nichts. Ganz taub. Und das leise Schnarchen der Frau neben mir klänge wie ignorantes Rumgeseufze. Und dann fielen mir die alten Frauen ein, denen ich immer mit Max/Lukas begegnete. Solche alten Frauen, die ein ganzes Leben lang gleich alt aussehen und immer auf Friedhöfe fahren und Gräber gießen und Max/Lukas so in die Wange kniffen, wie sie schon mir in die Wange kniffen. Immer wenn wir denen begegneten oder ich nachts nicht schlafen könnte, fände ich alles so vorhersehbar. Durchschaubar. Endlich. Dann nähme ich Max/Lukas auf oder meine Frau in den Arm, so lange, bis es sich nach in den Arm genommen werden anfühlen würde und dann wäre ich wieder okay und fühlte mich gebraucht und sicherlich würde ich bald befördert werden und Max/Lukas bräuchte dann schon keine Windeln mehr und darauf wäre sein Opa stolz, aber auch, wenn Max/Lukas dann noch immer in die Hosen machen würde. Dann wäre sein Opa einfach nur stolz darauf, dass es ihn gäbe und ich wäre auch stolz und meine Frau auch und wir würden Max/Lukas beim Trampolinspringen zusehen und alle wären noch mehr stolz und wir wären eine schöne Familie und ich sähe gut aus für mein Alter und hätte noch Haare und andere Dinge, die mir Sicherheit gäben, dass mein Leben noch nicht zu Ende sei und die meiste Zeit würde ich wissen, dass so Glücklichsein funktionieren muss.

 

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