Dorianized

When do I expire? Wo liegt das eigene Verfallsdatum und wer legt es fest? Und wieso hat Wolfgang Joop mich beinahe zu Dorian Grey werden lassen?

Photo Roman Rätzke

Text Fabian Hart

When do I expire – wo liegt das eigene Verfallsdatum und wer legt es fest? Man selbst, andere, das unlenkbare Schicksal? Christian*, ein Freund, den ich neulich nach fünf Jahren wiedersah, stellte sich und mir diese Frage. Auch er arbeitet als Medienmodegedöns, in einer Branche, die mehr Verfallsdaten erstellt als die Lebensmittelindustrie. Uns wurde klar: wer mit Moden arbeitet, lebt einen gefährlichen Job. Nicht nur, weil ihn so viele ausüben wie nie zuvor.

Die meisten Kreative spiegeln sich selbst in und durch ihre Arbeit. So auch Blogger und  ich meine damit keine Outfit-Postings. Die chronologisch verlaufenden Publikationen leben vom Update, der Erneuerung, von der eigenen Bewegung um die der anderen. Ein Blog, der stehenbleibt, läuft ab, stirbt.

Vor zwei Wochen, kurz nachdem ich Christian* wiedergetroffen hatte, wurde ich von meiner FreundinHenrike** zu einem Presse-Lunch mit Wolfgang Joop eingeladen. Für sie ist das daily business, sie betreut als PR-Agentin Galeria Kaufhof, die gemeinsam mit Wolfgang Joop eine hauseigene Kollektion entwickeln, die er an diesem Tag präsentierte. Ich begegnete ihm schon einmal, vor ein paar Jahren, zum Interview. Er konnte sich nicht an mich erinnern, also begegneten wir uns wieder zum ersten Mal. Ich weiß nicht mehr weshalb, aber nach ein paar Worten ließ er den Tisch abräumen und malte mich mit Kugelschreiber auf eine Tischdecke. Noch vor dem Mittagessen.

Nach zehn Minuten stillsitzen, lag ich fertig vor mir auf dem Tuch, mit Datum und seiner Signatur und meinem Namen. Damit musste ich irgendwie umgehen. Logisch, dass ich das Porträt erst einmal eindigitalisierte und Instagram bespielte. Aber damit war es nicht weg, verschwunden in einer Timeline. Es lag noch immer vor mir, halb zusammengefaltet, aber unbestreitbar physisch. Ich fühlte diesem Bild gegenüber so etwas wie Verantwortung und sah mich fragend an. Sah ich mir ähnlich? Als ich versuchte, mich darin zu spiegeln und wiederzuerkennen, aus Gewohnheit, wurde mir klar, dass der blaue Kerl auf der Tischdecke eine Idee war, die Joop von mir hatte. Ich wäre beinahe zu Dorian Grey geworden und plötzlich fiel mir auch wieder Christians* Frage ein.

„When do I expire?“ Dann, wenn du beginnst dich mit den Bildern zu vergleichen, die andere von dir malen. Oder, schlimmer, versuchst ihnen zu entsprechen. Oder, worst case, dich nur noch um Bilder drehst. Dann liegt die Etikettiermaschine in den Händen anderer und du verklebst unter ihren unablöslichen Verfallsdaten. Diese Erkenntnis habe ich rahmen lassen und deswegen hängt dieses Bild jetzt an der Wand. Genau deshalb. Und auch, weil ich hörte, dass manche Menschen für ein Joop-Gemälde bis zu 30.000 Euro auf Ebay zahlen. Deutlicher könnte der Gegensatz zwischen der Materialität des Bildes und der Idee, die es ausdrückt, nicht sein. Oder?

TAGS

SHARING IS CARING

NOCH MEHR HART