Hartsoft

Soft ist das neue hart oder warum jeder Kerl ein richtiger Kerl ist

Fotos Erik Cesla
Interview Jessica Joyce-Sidon für SNORE
Intro Fabian Hart

Es sind nun schon ein paar Jahre, in denen ich mit meinen Texten und vor allem Fotos zwangsläufig Männerbilder promote. Immer dann, wenn ich als mein Alter Ego (manchmal auch altes Ego) wörtlich mein Image in Timelines pushe. Mit wachsender Reichweite, steigender Leserschaft – inklusive Scroller und Liker, aber auch mit der Zeit, poppt immer wieder eine Frage auf: wen repräsentiere ich hier eigentlich? Welche Werte, Ideen, welchen Typen, welchen Mann?

Für die Porträtreihe des Corporate Publishing SNORE, dem Kundenmagazin von MUUN, habe ich mich zwangsläufig wieder damit auseinandersetzen müssen. Das Interview ist in englisch hier erschienen, die deutsche Version findet ihr folgend:

 

SNORE: Was hast du dir unter Maskulinität in deiner frühen Jugend vorgestellt?
Alles was ein richtiger Kerl eben so macht. Aber das war nicht nur meine Vorstellung, das habe ich mir ja nicht ausgedacht. Wir alle haben das so gelernt: Fußball spielen, nicht rumheulen, Muckis trainieren, Bier trinken. Das klingt nach einem krassen Klischee, aber maskulin und feminin sind bis heute klare Vorgaben wie wir fühlen und handeln sollen.

SNORE: Wurde dir dieses Bild so vermittelt?
Klar, in der Schule, beim Sport, in Filmen, Zeitschriften, in der Politik. Männer waren die Macher, das Oberhaupt, die Aggressoren. Obwohl es bei uns zu Hause die klassische Rollenaufteilung nicht hätte geben müssen, da meine Mutter starb, als ich ein Jahr alt war, war mein Vater doch eher Versorger als Fürsorger. Er ist ein sensibler Mensch, aber in seiner Generation war soziale Kompetenz klar Frauensache, die meisten Männer hatten noch nicht einmal gelernt sich überhaupt mitzuteilen. Das bricht gerade erst allmählich auf. Mein Fahrlehrer hat immer zu mir gesagt ich solle fahren „wie ein richtiger Kerl“, dabei war ich einfach nur vorsichtig. Die meiste Zeit meiner Jugend habe ich also damit verbracht ein richtiger Kerl zu sein.

Wann konntest du dich von diesem klassisch angelernten Männerbild lösen?
Mit 19 bin ich nach Köln gezogen. Als Kleinstädter aus Baden-Württemberg, wo jeder jeden kennt, fand ich Köln schon sehr Berlin. In die Hauptstadt habe ich ich mich ja erst jetzt getraut, über zehn Jahre später. In Köln habe ich zum ersten Mal damit aufgehört, mich zwanghaft selbst zu korrigieren, um mich nicht als unmännlich zu enttarnen. Ich begann beim Musikfernsehen zu arbeiten, bin zum ersten Mal schwul ausgegangen, habe andere Kleidung getragen, mich also getraut ein falscher Kerl zu sein. Köln und seine Queer Szene haben mir aber auch gezeigt, dass du vor dem sozialen Konzept Männlichkeit nur in bestimmten Räumen sicher bist. Schwule Veranstaltungen waren safe und fun, aber irgendwie auch heftiges Kontrastprogramm zu meinem bisherigen Leben.

War das der Wendepunkt, an dem du dich das erste Mal in deiner Haut wohl gefühlt hast?
Es gab keinen gefühlten Wendepunkt, ich habe mich langsam verändert, den alten Fabi abgepellt. So befreiend Köln auch für mich war, die Anonymität, der Neuanfang, so fremd war mir das auch und ich mir. Ich hatte jahrelang gehasst anders zu sein und meiner Sexualität die Schuld gegeben. Als schwuler Typ musste ich mich also erstmal von meiner eigenen Homophobie befreien. Es etwa nicht mehr schmeichelnd zu finden, wenn mir jemand sagte ich würde überhaupt nicht schwul wirken. Ausgrenzung und Unterdrückung geht ja nicht immer nur von einer Mehrheit aus, sondern ist oft auch das Tool der anvisierten Minderheit, gegen sich selbst zu schießen, um sich dann doch der Masse zugehörig zu fühlen. Dieses ganze „Masc for Masc“, „No Homo“ und „Straight Acting“ ist bis heute ein großes Thema schwuler Identität. Übersteigerte Männlichkeit, hypermaskulines Verhalten sind ja fast schon ein Fetisch in der Gayszene. Als ich noch in Baden wohnte, habe ich lange Zeit den Radiosender gewechselt, wann immer Freddie Mercury gespielt wurde. Ich wusste, dass er an Aids gestorben war und mir war klar, dass ich so nicht enden will. Als Junge, der gerade entdeckt, dass er schwul ist, war das traumatisch. Öffentlich schwul zu sein oder Dinge zu tun, die als schwul gelten, feminin, weibisch, ist bis heute ein Social Striptease.

Mit wem konntest du dich identifizieren, wer wurden deine Vorbilder?
In der Schule und während des Studiums hab ich oft Typen bewundert, die selbstverständliche Jungs waren. Es sind ja die einfachen Dinge, die darüber entscheiden, ob man dazugehört oder nicht. Ich wurde nie gemobbt, obwohl ich keinen Fußball ins Tor geschossen und keine Freundin mit nach Hause gebracht habe. Dafür saßen meine Worte, ich war schlagfertig, der Unterhalter, Entertainer und wurde dafür respektiert. Später in Köln, und auch während des Studiums in Hamburg, waren es wieder die „echten Kerle“, auf die ich stand. Ich dachte immer, dass sei so eine Art Heimweh, eine Erinnerung an wie die Jungs zu Hause sind. Erst später habe ich verstanden, dass es den meisten Schwulen so geht, weil wir unser Leben lang andere davon überzeugen müssen, dass gay sein normal und wir keine Gefahr sind, keine Bedrohung für Maskulinität. Das was du selbst nicht bist, ist ja oftmals auch genau das, was dich anzieht. Einem klassischen Männlichkeitsbild nicht zu entsprechen, bedeutet ja nicht, genau das nicht attraktiv zu finden. Deshalb verwandeln sich viele Schwule auch in die Männer, auf die sie selbst stehen. Ein irres sexuelles Identitätsproblem.

Du hast sowohl bei massenkompatiblen als auch bei alternativen Print Magazinen gearbeitet. Hat sich die Darstellung von Männern in irgendeiner Form unterschieden?
In den Social Media, die ja im besten Fall „Real People“ zeigen, gibt es schon eine große Tendenz zum Hypermaskulinen. Hier gilt auf jeden Fall der Bizeps ist der Busen für Jungs. In nischigen Printmagazinen ist das Männerbild schon diverser. Während des Studiums habe ich bei einem Hamburger Independent Magazin gearbeitet, das sich mit Mode und Beauty beschäftigt, also Themen, die bis heute „was für Mädchen“ sind. Mein Job dort hat mir aber richtig gut gefallen, weil ich nischig sein durfte. Ich habe über Künstler, Designer, Musiker geschrieben, die anders sind. Nicht weil sie queer waren, sondern anders denken, Dinge anders machen als die Leute in den kommerziellen Magazinen.

Inwiefern musstest du dich auch beruflich mit Männerthemen auseinandersetzen? 

Vor ein paar Jahren wechselte ich zu einem großen Verlag, der für Prestige-Publikationen bekannt ist. Ich habe für ein Männermagazin gearbeitet und gemerkt, dass ich da nicht reinpasse. Als Schreiber in der Moderedaktion fiel es mir schwer, Protagonisten außer der Designer zu finden, die in Mode waren, aber dabei doch verständlich. Einmal habe ich ein Interview mit dem Musiker Rufus Wainwright geführt und das Feedback bekommen, seine Antworten seien zu gay. Während die Modestrecken kreativ und teilweise auch unverständlich sein durften, da sich das Männerbild der Designer und Stylisten von ihrer tatsächlichen Zielgruppe definitiv unterscheiden darf, müssen Textthemen dann doch stereotyp-maskulin sein. Irgendwie lief es dann oft wieder auf Karren, Frauen, Abenteuer, Cocktails und Uhren hinaus. Darauf hatte ich irgendwann keinen Bock mehr.

Warum bist du nicht zu einem Gay Magazin gegangen?
Darauf hatte ich genauso wenig Lust, weil ich denke, dass gerade Medien die Möglichkeit nutzen sollten, den Mut zu haben divers zu sein. Themen danach zu sortieren, wie gay oder straight sie sind, fand ich dämlich. Also hab ich mein eigenes Medium gegründet. Auf FabianHart.com promote ich mich nicht als Gay Guy, der rein schwulen Content entwickelt.

Hast du über die Jahre eine Veränderung des männlichen Schönheitsideals und wie es in den Medien platziert wird wahrgenommen?
Man bekommt das eher auf Social Media mit, dass Themen wie Pflege und Mode auch immer mehr für Männer eine Rolle spielen. Durch die Emanzipation der Frauen der letzten 40 Jahre haben sich Männer zwangsläufig passiv emanzipiert, dadurch, dass sie ihre eigene Kohle verdienen, sich nicht fürchten plötzlich alleine dazustehen oder alleinerziehend zu sein, oder einfordern, dass auch der Mann in Elternzeit geht oder sie überhaupt keinen Bock haben Mutter oder Ehefrau zu sein. Der Mann steckt also durch die hart erkämpfte Autonomie der Frau nicht mehr zwangsläufig in der Versorgerrolle. Das ist doch wirklich eine neue Freiheit, die viel zu wenig Thema ist. Immer wieder geht es nur um die Angst der Männer, das Patriarchat könne gestürzt werden. Aber sich um sich selbst zu kümmern, Fürsorge an sich selbst zu verwirklichen, ist doch ein Zugewinn. Für mich ist der Hype um Männerpflege auch eine Reaktion darauf. „Für sowas habe ich keine Zeit“ gilt nicht mehr.

Du hast einen sehr robusten, sprichwörtlich harten Körper, der dem klassischen Männlichkeitsbild entspricht. Dennoch bist du ja erst richtig bekannt geworden nachdem du auf deinem Blog und Social Media auch deine sanfte Seite einer breiten Masse gezeigt hast. Welches Männerbild möchtest du mit deiner Arbeit vermitteln?
Wir denken immer, dass wir schon so wahnsinnig weit sind und liberal und tolerant, aber laufe mal als Typ in einem Crop Top durch die Stadt oder erzähle von deinem Liebeskummer und dass du heulen musstest. Sag mal, dass du Rosa magst, oder dass das Tattoostechen richtig weh tat. Im besten Falle kommt dann ein gut gemeinter ironischer Spruch, aber du irritierst noch immer. Auf meinen Social Media und auch auf FabianHart.com übe ich den Spagat zwischen erwartbarer und irritierender Männlichkeit und stretche Toleranzgrenzen und Komfortzonen. Nicht nur mit Bildern, auf denen ich Bizeps zeige, aber eben Gesichtsmaske trage, sondern auch mit Texten, in denen ich Pseudo-Akzeptanz enttarne oder darüber schreibe wie ich heulen musste. Um dich soft zu zeigen, muss man als Typ zwangsläufig hart sein. Meine Wunsch ist, dass alles was Männer tun, zwangsläufig männlich ist. Könnten wir uns darauf einigen?

 

Transparenz: Das komplette Interview ist auf englisch im Kundenmagazin SNORE des Unternehmens MUUN erschienen und Teil ihrer Porträtserie „Faces“, die Menschen aus Kultur und Mode vorstellt. Der Beitrag ist, um die neuen Vokabeln der Social Media zu nutzen, keine bezahlte Partnerschaft. Die Matratze in den Bildern der dazugehörigen Fotografien ist ein Press Sample.

TAGS

SHARING IS CARING

NOCH MEHR HART