In Mode gekommen

Text Fabian Hart

Für das Modeheft von VICE habe ich eine Kurzgeschichte geschrieben. „In Mode gekommen“ ist die Story eines Objektsexuellen, der in Mode kommt, weil er sie liebt, aber eigentlich geht es um etwas völlig anderes. Die Geschichte könnt ihr in der neuen VICE lesen, aber auch auf vice.com und, noch easier, hier:

 

Soviel also zur Typologie der W-Fragesätze. Genauer zur Beziehung zwischen den Wortkörpern Warum und Wann und ihrer begrifflichen Verwandtschaft. Es wäre seine Masterarbeit geworden, hätte irgendein Typ das nicht schon 2006 als Linguistischen Bericht ins Netz gestellt. Aber von vorn.

Jannes hat keine Ahnung, wann es begann und es spielt auch keine Rolle. Für ihn spielt es keine Rolle. Nicht mehr spielt das eine Rolle. Es ist das Wann der Anderen, das Fragesätze einleitet, die Toleranz vortäuschen. Nele, seine Schwester, hat das getan und seine Nachbarin auch, also die Menschen, die er schon lange kennt und gerne mag und so weiter. Jannes dachte, sie gäben sich Mühe ihn zu verstehen, aber da kam nur ignorante Pseudo-Besorgnis und das Wann, das keinen weiterbrachte.

Wann er bemerkt habe, dass er nicht auf Frauen stehe und auch nicht auf Männer und auch nicht auf Menschen zwischen den Geschlechtern. Wann genau ihm denn klar wurde, dass es generell keine Menschen sind, auf die er steht. Das leise Wann war ein verkleideter Vorwurf, ein zumutbareres Warum und er fand das alles nicht nur unbeantwortbar, sondern saudumm.

Nie werden Heterosexuelle gefragt wann sie feststellten, dass es das andere Geschlecht ist, für das sie sich interessieren. Weil es einfach geschieht. Weil es einfach geschehen darf. Weil es okay ist, wenn es irgendwann passiert. Alle anderen sind aus diesem Selbstverständnis ausgeschlossen. Und seine Nachbarin, Antje, die Lesbierin, die sich vor über zehn Jahren schon vor ihm outete, die er nie fragte „Antje, seit wann weißt du eigentlich, dass du auf Frauen stehst?“, die schlug ihm genau dieses W wie eine Faust ins Gesicht.

Also begann er sich zu rechtfertigen und dann fiel die Abwehr und er erzählte einfach. Von dem Mädchen, das Jessica oder Anke hieß oder so ähnlich, von dem er dachte, er könne auf sie stehen. Die ihn geil machte in den übergroßen Pullis ihres älteren Bruders. Jannes liebte sie. Die kastigen Baumwoll-Polyester-Gemische, klassische 30-Grad-von-links-Wäsche, mit Logo-Stickerei auf Brusthöhe. Als Jessica/Anke einen von denen vor ihm auszog, einen grauen BOSS, wurde er geil. Sie warf den Hoodie aufs Bett übers Kissen und ihre Eltern waren nicht da, als sie es miteinander trieben. Jannes presste seinen Kopf ins Pulloverkissen, so fest, dass er nicht mehr mitbekam, dass das Teil nach ihr roch und ihr geübtes Gestöhne nicht mehr hören konnte. Unter ihm lag keine Jessica, keine Anke, unter ihm lag der BOSS.

Wenn Jannes in Mode kommt, lässt er den Stoff noch ein paar Minuten auf sich liegen. So lange, bis die dunklen Ränder nicht mehr weiter wachsen und antrocknen. Je nach Stoff kann das bis zu acht Minuten dauern. In der Zeit kifft er und streamt eine Folge „Revenge“.  Vor ein paar Saisons vögelte er mit einem Prada-Polo aus Lurex. Als er kam, stand die Sauce wie Wachstropfen auf einem Mikrofasertuch. Er kam sich abgelehnt vor, verarscht, unfruchtbar. Seitdem liest er Etiketten wie Kontaktanzeigen. Mit Nylon und Polyester kann er nichts anfangen, er steht darauf, wenn sich die Teile natürlich anfühlen.

Wann: Ungefähr zu der Zeit, als Jannes seinen Tumblr startete, auf dem er ungetragene Klamotten bloggt, auf die er gerade steht, für die er spart, die er gerne näher kennenlernen würde. In ein paar hat er sich auch verliebt. In den beigen Overall von Shaun Samson, die Boxers von Nasir Mazhar, die Jeansjacke von Sibling. Er postet nur Legeware, also Kleidung, in der noch keiner steckte und arrangiert sie zu Collagen. Irgendeine PR-Agentin bekam davon Wind und dachte er sei Modeblogger. Seitdem bekommt er jeden Tag Newsletter, auf die er sich einen keult, es sei denn sie schicken was von Kilian Kerner. Es gibt Marken, die sind einfach unfickbar. Man kann nichts mit ihnen anfangen, außer sie tatsächlich zu tragen. Manchmal schenken ihm die PR-Menschen sogar ein paar Oberteile und dann fotografiert er sie vor dem Sex auf seinem Bett. Obwohl er eine klassische S ist, lässt er sie sich in XL schicken. Er begründet das mit Oversize, dabei hat er einfach gern eine Handvoll mehr im Bett.

Wann. Immer dann, wenn er im Netz nach Vintage sucht. Nach den letzten wahren McQueen-Teilen zum Beispiel.

Wann. Immer dann, wenn er Menschen auf Ebay den Unterschied zwischen Second-Hand und Vintage erklären muss, also zwischen entweihter Mode und altem Ungetragenem. Ebay ist ein verdorbener Ort voll von Outletmode und Kleinstadt. Für wahres Vintage muss er ins Darknet, vorbei an Mädchen, die auf ihren Profilen getragene Unterwäsche verkaufen und Typen, die in Stan Smith wichsen und abends ihre Ehefrauen fingern, weil sie keinen mehr hochkriegen.

Wann. Wenn ihm klar wird, dass er kein schmutziges Hobby hat, keinen Fetisch, sondern seine eigene Sexualität.

Wann. Während Jannes mit einer KTZ Megging im Bett liegt und Antje und Nele ein paar Häuser weiter zwischen Kindern und anderen Problemen von Langzeitpartnerschaft sitzen. Ihr Wann und Warum kann Jannes nicht mehr hören. Er hat damit aufgehört und es ist okay. Er lädt die Megging auf den Tumblr, auf dem Boden neben dem Bett liegen die Abholscheine von der Reinigung.

Es ist sechs Uhr.

 

TAGS

SHARING IS CARING

NOCH MEHR HART