Inez & Vinoodh

Die Retrospektive des Fotografen-Paars Inez & Vinoodh zeigt moderne Helden in ungewohnten Posen

Text & Fotos Fabian Hart

Als sich Inez van Lamsweerde und Vinoodh Matadin zum ersten Mal begegnen, sind sie Mitte Zwanzig und die Achtzigerjahre ganz schön am Ende.

Inez studiert zu dieser Zeit Kunst in Amsterdam, Vinoodh Modedesign. Sie erkennen, dass sie zueinanderpassen. Die Mode und die Kunst. Dass sie zusammengehören. Inez & Vinoodh.

Die Fotografie wird zu ihrem Ausdrucksmittel und ihre Berührungspunkte zu einer Fläche, auf der sie die gängigen Methoden der Modefotografie neu zusammensetzen und erweitern. Denn ihre Modefotografie ist überhaupt keine. Sie entwickeln Porträts von Menschen in Mode, moderne Helden – eigenartig, ungewohnt, übermenschlich, metarealistisch. Während die Magazine zu Beginn ihrer Karriere idealisierte Bilder von starken Frauen und ihren perfekten Körper zeigen, die sich noch nicht als das Ergebnis von Retusche enttarnen, beginnen Inez & Vinoodh ihre Bilder bewusst zu überzeichnen.

„Ein Porträt ist nicht die Wirklichkeit, doch ein gutes Porträt zeichnet sich dadurch aus, dass es aussieht wie die Wirklichkeit“ schreibt Autor Glenn O’Brien im Nachwort der gerade erschienenen Retrospektive Inez’ & Vinoodhs, Pretty Much Everything. In einer Zeit, in der wir Fotografien längst nicht mehr trauen, oder, wieO’Brien schreibt „unsere Augen ihre Unschuld verloren haben und sich selbst misstrauen und nach Hinweisen auf Tricksereien suchen“, machen van Lamsweerde und Matadin das offensichtlich Manipulierte zum Thema ihrer Arbeiten. Kunsthistorische Andeutungen, Montagen, Androgynität, Comedy: ihre Bilder sind voll davon. Genau deshalb zeigen sie keine erwartbare Posen makelloser Models, sondern ihre Alternativen. Kate Moss, die gierig von außen ins Schaufenster blickt, Alexander McQueen, vermummt mit einem Tuch mit Totenkopf-Print, Bill Murray mit einer Blumenwiese als Bart, Antony Hegarty mit überlangen Stoff-Wimpern, die ihm wie Tränen übers Gesicht fließen, Yves Saint Laurent mit geschlossenen Augen, Lady Gaga als dreiköpfige Pop-Medusa, Carmen Kass mit Giraffenhals, Inez & Vinoodh selbst, küssend ineinander verschlungen, und immer wieder Collagen, die in Zusammenarbeit mit dem Designbüro M/M Paris entstanden.

Sie waren es auch, die Inez’ & Vinoodhs Bilder der letzten Jahrzehnte zu einer Retrospektive in Buchform gestalteten. Pretty Much Everything zeigt Kampagnenmotive, Editorials und freie Arbeiten des niederländischen Fotografen-Teams, das mehr ist als das. Inez & Vinoodh verzerren und übertreiben Schönheitsideale durch Posen, die sich nicht durch Posing ergeben, sondern in den Momenten zuvor oder danach, und durch eine Bildbearbeitung, die als Spezialeffekt eingesetzt wird und nicht zur Retusche.

 

Inez van Lamsweerde / Vinoodh Matadin. Pretty Much Everthing. Erschienen im Taschen Verlag. Gestaltet von M/M Paris. Mit einem Nachwort von Glenn O’Brien. 704 Seiten, 49, 99 Euro. Erhältlich hier

 

Noch mehr über Inez & Vinoodh erfährt man auf  ihrem offiziellen Instagram-Account

 

 

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