Radical Street

Kon/Text Fabian Hart

Vor einem Jahr habe ich ein „Home Office“-Manifest online gestellt und darüber geschrieben, dass zu Hause arbeiten echt schnell zur Katastrophe werden kann. Zum Beispiel wenn der Schreibtisch eher nach Wohnzimmer aussieht, man ständig die Wasch- oder Spülmaschine ausräumt, im Schlafanzug vorm Rechner verwahrlost, Pornos glotzt oder Kurierfahrern hinterherrennt.

Die meisten Regeln hab ich gut im Griff, nur die Kurierfahrer nie. DHL, DPD, GLS, UPS sind zu übergroßen Aggronymen geworden, weil man unter den Zusteller-Zuständen echt böse werden kann. Zum Beispiel wenn du den ganzen Tag in deiner Wohnung hockst, weil du auf ein Paket wartest und dann am Abend eine Benachrichtigungskarte in deinem Briefkasten findest, auf der steht, man wäre gar nicht zu Hause gewesen. Darauf folgen meistens zwanzigminütige Warteschleifenmanöver und zweite, dritte Zustellversuche, die wieder scheitern, weil das Zeitmanagement der Fahrer keine Kunden oberhalb des Erdgeschosses zulässt.

In meiner Hood kam es neulich sogar zum Battle der Kurierfahrer. In St. Georg fuhr ein GLS-Fahrer einen DHL-Boten an und zog ihn mehrere Meter auf seiner Motorhaube über die Lange Reihe, weil der ihm wohl zu lange im Weg stand – hier das Foto als Beweis.

Man könnte fast sagen, dass der Kampf um die Pakete zu einer Form von Street Fight geworden ist. Und dieses Battle wird nicht nur zwischen Briefkasten, Beschwerde-Hotline und Postfiliale ausgetragen, sondern auch auf dem Runway bei Vetements. Die Marke ist eine Art radikaleres Acne, vereint Straße mit Avantgarde und bietet tatsächlich T-Shirts mit DHL-Logo an – aktuell für rund 300 Euro in den Onlineshops. Die Idee ist genial. Denn DHL verkörpert die Werte der Marke, ist so unglamourös und doch so affektiert, ein Dienstleister mit Launen in zickigem Gelb.

Das Logo eignet sich also hervorragend als Print für ein Statement-Piece ihrer Sommerkollektion. Der Luxus liegt auf der Meta-Ebene: In einer Zeit, in der ständige Verfügbarkeiten die Regel sind und alles 24/7 erreichbar scheint, ist der wahre Luxus die tatsächliche Zustellung. Falls ihr das T-Shirt also bestellen wollt: Toi, toi.

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