Wie es begann

Ich weiß nicht, seit wann ich nur noch mit dem iPhone aufs Klo gehe, wann Likes für mich zur Währung wurden. Die Doku „Jetzt!“ gibt mögliche Antworten und Hoffnung auf einen Bewusstseinswandel

Text Fabian Hart

Keine Ahnung, wann das genau anfing. Aber in den letzten Wochen ist es immer wieder passiert. Ich wache nachts oder morgens auf und halte mein iPhone. Ich entsperre das Teil, also mein Daumen tut es, und ich sehe, worüber ich eingeschlafen bin. Über einer Mail, die nach dem Einstiegsgeplänkel abbricht. Über einer Datingseite, einem Profilfoto, irgendjemandem. Und ich könnte jedes Mal schwören, mich nicht mehr daran erinnern zu können, müde gewesen zu sein. Ich weiß nur, dass ich noch nicht fertig war mit dem Tag, mit Dinge wegerledigen. Die Antwort sollte noch raus, ich wollte mich am selben Tag zurückzumelden. Und dann muss mir eingefallen sein, dass es auch okay wäre, wenn da jetzt jemand läge, der mich von all dem Mail-Müll ablenkt und das wollte ich auch noch kurz ändern. Abends, im Bett. Wenn schon liegen, dann effizient. Der Fernseher lief. Ohne Ton, und der Laptop warf Stimmungslicht.

Ich weiß nicht wann ich anfing. Nur noch Bücher lesen zu wollen, die man irgendwie als Fachlektüre verschlagworten kann. Keine Zeit mehr zu haben für eine Wochenzeitung, die sieben Tage unaufgeschlagen mahnt, bis sie ganz müde wird und alt, weil die neue längst im Briefkasten liegt.

Ich weiß nicht, wann die Freizeitmode starb. Wann sie zu Casual Business wurde, zu einem Look, in dem man bequem arbeiten kann. Ich weiß nicht, seit wann ich nur noch mit dem iPhone aufs Klo gehe, ich als Fußgänger erst nach drei Runden die Grün-Phase einer Ampel erwische, weil ich in meinem Telefon stecke. Ich weiß nicht mehr, seit wann Likes für mich eine Währung ist und nicht länger einfach nur Dinge beschreiben, die ich mag. Seit wann Beiträge von Facebook-Freunden mich immer wieder runterziehen. Ich weiß nicht, seit wann es mir in Restaurants nicht mehr so richtig schmeckt, die kein WiFi haben. Seit wann ich lieber Gerichte bestelle, die ich einhändig essen kann, um parallel News und Emails zu checken. Ich weiß nicht, wann ich damit anfing, einer Person zu schreiben, dass ich sie gleich anrufen werde und sie dann frage, ob sie schon meine Email gelesen hat. Keine Ahnung, wann Entspannung zu einem Termin wurde, den ich absage oder verschiebe oder völlig abgehetzt erreiche. Und seit wann erweitere ich nachträglich meine To-Do-Liste um die Positionen, die ich schon erledigt habe und fühle mich dabei gut, irgendwie wertvoller? Wann wurden Freunde und Familie zur obersten Prio in einem Ranking?

Ich habe keine Ahnung, wann das alles anfing. Wie es begann. Echt nicht. Ich weiß aber, dass sich das ändern muss. Und dass das eine harte Diät wird und die Umschulung meines Lebens.

Hanna Henigin und Julian Wildgruber haben über solche und ähnliche Dinge einen Film gemacht. Sie sagen, dass das, was in unserer Kultur und Arbeitswelt fehlt, die Fähigkeit ist innezuhalten, zur Ruhe zu kommen. Für ihren Dokumentarfilm „Jetzt! Bewusstseinswandel in der Wirtschaft“ trafen sie Unternehmer/innen, Manager, Quantenphysiker/innen, Mikrobiologen/Mikrobiologinnen, Neurowissenschaftler/innen, Aktionsforscher/innen und andere Experten und Expertinnen, die versuchen auf „Wie wollen wir leben und arbeiten?“ Antworten zu finden. Dabei enttarnen sie auch Handlungs- und Denkmuster und bringen im besten Falle den Zuschauer auf eine eigene Antwort.

Das folgende Video zeigt den Trailer zur Doku. Er beginnt mit einem Satz der Neurowissenschaftlerin und Psychologin Prof. Dr. Tania Singer, der alles auf den Punkt bringt: „In unserer Gesellschaft gibt es eine Überinterpretation der Leistung und eine Unterbetonung des Seins“. Der Clip danach stellt Hanna und Julian und natürlich auch ihr Projekt „Jetzt!“ vor, das sie über Crowdfunding finanzieren. Noch mehr Infos findet ihr auch auf ihrer Website.

 

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