Wie neu gelauncht

Foto / Text Fabian Hart

Vielleicht ist es euch aufgefallen, aber hier war in den letzten beiden Monaten tote Hose. Ich hatte das im August angekündigt und dann einen auf Sommerpause getan und von Relaunch getextet. Jetzt, wo offiziell Herbst ist und das neue Hart online, sollte die Seite mit einem richtig guten Look wiedereröffnen: ich in Schlag vor City-Nord-Beton. Stattdessen starte ich das neue Layout in Thrombosestrümpfen.

Vor ein paar Wochen hab ich beim Duschen einen Knoten entdeckt, unterhalb des Steiß und der musste raus und ich somit auch. Ich erspare euch Details und Zerstörungsfantasien, nur so viel: es gab Tage, da hatte ich fünf Ärzte / Ärztinnen im Hintern.

Warum ich das hier zum Thema mache? Sicherlich nicht für ein paar mitleidige Kommentare. Mir geht’s tipptopp. Die Geschichte soll auch nicht als spektakulärer Aufmacher für den Relaunch herhalten und nein, ich vermarkte keine Thrombosestrümpfe. Ich hab‘ mich an die ursprüngliche Idee / Indentität (m)eines Blogs erinnert, also an die Zeit bevor wir zu Onlinemagazinen mit Rubriken und Redakteuren wurden, Marken und Content-Maschinen. Als Blog eher noch Online-Tagebuch bedeutete und dieser persönliche Blick auf die Dinge der Zeit noch Nische war. Diesen Sommer habe ich mich voll in Ruhe gelassen mit „Wie geht’s weiter? / Wo will ich beruflich hin?“ und nachgescrollt, wo ich herkomme und vor allem Zeit damit verbracht herauszufinden, wer ich eigentlich heute sein will.

Und ich habe gerechnet: Durchschnittlich wird der Mensch 85 Jahre alt. Man ist also 31.025 Tage am Leben, wenn man Glück hat und nicht plötzlich umfällt, ertrinkt, erschlagen wird oder an einem Tumor im Darm verreckt. Für die nächsten Neunzehntausendnochwas Tage wünsche ich mir noch beweglicher zu werden, responsive im besten Sinne und niemals so zu sein wie die, die sich mittwochs „Happy Bergfest“ wünschen, freitags #TGIF posten und montags depressive Tiere.

Während ich ziemlich lange auf den histologischen Befund wartete, habe ich viele Beiträge der letzten Jahre ausgemistet und beschlossen, für das neue Hart nur ein Best-Of zu migrieren. Letzte Woche dann kam der Anruf aus dem Krankenhaus und ich hab ihn verpasst. Die Nachricht auf der Mailbox hätte ich am liebsten ausgedruckt und damit alle Wände tapeziert: „… alles in Ordnung, keine Residuen von Ihrem Tumor.“ Der Satz bleibt auf der Mailbox, damit ich ihn immer mal wieder anhören kann, wenn ich anfange bequem zu werden, unbeweglich werde oder mich sonst irgendwie ablenken lasse. Bis dahin fühl‘ ich mich wie neu gelauncht.

 

 

 


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